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Wöchentliches Investment Update - Und wenn wir die Fed für eine Weile vergessen würden?

Anleger und Volkswirtschaftler warteten den Sommer über die Rede des Fed-Vorsitzenden Jerome Powell in Jackson Hole Ende August ab, um sie Anfang September ausgiebig zu kommentieren. Da die nächste geldpolitische Sitzung der US-Notenbank (Fed) erst am 21.-22. September stattfindet, bietet es sich nun an, im Vorfeld der anstehenden Ratssitzung und des EZB-Forums Ende September in Sintra einen Blick auf die EZB zu werfen.   

Märkte

Am 7. September lagen die internationalen Aktienmärkte gegenüber Ende August 0,6% im Plus (MSCI AC World Index in US-Dollar), wobei die Märkte der Schwellenländer sich überdurchschnittlich entwickelten (+1,3% für den MSCI Emerging Markets Index). In den Industrieländern entwickelte sich der S&P 500 nach einem Rekordhoch am 2. September seitwärts und beendete den Monat praktisch unverändert. Die Aktienmärkte der Eurozone legten gegenüber Ende August um 0,7% zu.

Der japanische Nikkei 225 Index gewann am 27. August 2,0%, nachdem Premierminister Yoshihide Suga angesichts niedriger Zustimmungswerte überraschend seinen Rücktritt angekündigt hatte. Aus Anlegersicht ermöglicht diese Entscheidung zusätzliche Maßnahmen zur Konjunkturbelebung, da Sugas LDP im Parlament die Mehrheit hat. Am 8. September wies der Nikkei 225 einen Anstieg um 7,4% gegenüber Ende August auf.

Was sagen die neuesten Konjunkturindikatoren aus?

Die jüngsten Daten haben nichts an den Konjunkturaussichten geändert; dennoch gibt es zwei Faktoren, die die Wirtschaftsräume wahrscheinlich länger als zunächst erwartet belasten werden:

1) Lieferkettenengpässe, die die Industrieproduktion einschränken.

2) Die Pandemie, die den Dienstleistungssektor weiterhin belastet, entweder weil die Regierungen neue Einschränkungen verhängen oder weil die Verbraucher zögern, zur vollen Normalität zurückzukehren.

Umfragen in der Wirtschaft belegen die Auswirkungen der Delta-Variante, die sich in diesem Sommer weltweit ausgebreitet hat. Das globale Wachstum hat sich etwas verlangsamt. Das Verbrauchervertrauen ging sowohl im Juli als auch im August zurück. Der JPMorgan Global Composite PMI sank von 55.8 im Juli auf 52.6 im August, seinen niedrigsten Stand seit Januar. Aus diesen Umfragen ist ersichtlich, dass das Wachstum wahrscheinlich im Mai seinen Höchststand erreicht hat.

Der globale Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor ging erheblich zurück (von 56.3 auf 52.9). Die Indizes für Japan und China, wo einschneidendere Maßnahmen ergriffen wurden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, lagen unter 50 Punkten, was einem Konjunkturrückgang entspricht.

Die großen Länder der Eurozone entwickeln sich hingegen gut: Die Einkaufsmanagerindizes gingen in Frankreich und Spanien nur marginal zurück, und in Italien schaffte es der zusammengesetzte Index auf den höchsten Stand seit Juni 2006.

Die deutsche Industrie leidet auch unter Lieferengpässen, aber der Dienstleistungssektor blieb dynamisch. Der ZEW-Index, bei dem Anleger nach ihren Erwartungen bezüglich der Konjunkturentwicklung in Deutschland befragt werden, ging im September zurück, da Lieferengpässe bei Halbleitern und Baustoffen den Ausblick eintrübten. Allerdings verbesserte sich die Beurteilung der aktuellen Lage. Aus den in dieser Woche veröffentlichten Daten ergibt sich ein Anstieg der Produktion im verarbeitenden Gewerbe und der Bestellungen im Juli, auch wenn die Automobilproduktion deutlich unter ihrem Niveau von vor der Pandemie blieb.

Das BIP-Wachstum in der Eurozone im zweiten Quartal wurde von 2,0% auf 2,2% korrigiert, da sich der Konsum und die Unternehmensinvestitionen deutlich erholt haben und die Lagerbestände nur einen leichten negativen Effekt haben. Der neueste Ausblick der französischen Statistikbehörde INSEE zeigt, dass die Konjunkturerholung in Frankreich in diesem Sommer trotz der vierten Covid-Welle anhielt.

Wie ist die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt?  

Angesichts einer Konsenserwartung von 733.000 waren die 235.000 neuen Stellen, die in der US-Wirtschaft im August geschaffen wurden, eine Enttäuschung. In den beiden Monaten vor diesem Rückgang sind jeweils eine Million neuer Jobs entstanden. Der Rückgang konzentrierte sich auf den Freizeitsektor und das Gastgewerbe, wo die Anzahl der Beschäftigten in den letzten sechs Monaten um monatlich 350.000 gestiegen war.

Der Hauptgrund für diese „Underperformance“ war der deutliche Anstieg der Infektionen mit der Delta-Variante. In anderen Sektoren, die von der Pandemie weniger betroffen waren, ging die Schaffung von Arbeitsplätzen in ähnlichem Tempo wie in den Vormonaten weiter. Diese Sektoren stellen ungefähr zwei Drittel aller Arbeitsplätze.

Der Arbeitsmarktbericht für August ist jedoch nicht so ungünstig, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat. Die Haushaltsumfrage ergab einen deutlichen Beschäftigungsanstieg, der die Arbeitslosenquote von 5,4% auf 5,2% sinken ließ. Außerdem fiel die „Unterbeschäftigungsquote“, in der Gelegenheitsarbeiter bzw. aus wirtschaftlichen Gründen Teilzeitbeschäftigte berücksichtigt sind, deutlich von 9,2% auf 8,8%.

Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat zu sinken begonnen (siehe Diagramm 1); dies zeigt, dass der Beschäftigungszuwachs nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass Arbeitnehmer, die entlassen worden waren, nach dem Neustart der Wirtschaft wieder angestellt werden. Ferner sind die Stundenlöhne stärker gestiegen als erwartet (+4,3% im Vorjahresvergleich gegenüber einer Prognose von 3,9%); zudem gibt es weitere Hinweise dafür, dass die Unternehmen Lohnerhöhungen erwägen.

US-Staatsanleihen lagen nach der Veröffentlichung des Berichts im Aufwind; dies lässt erkennen, dass Anleger mehr Gewicht auf den potenziell inflationssteigernden Lohndruck legen, statt die Ansicht zu vertreten, dass die Konjunktur abflaut.  

Reden wir über Europa

„Aus gutem Grund steht das erste P in PEPP für pandemisch und nicht für permanent.“ Diese Äußerung des Präsidenten der Bundesbank spiegelt eine Sichtweise wider, die sich auch im EZB-Rat durchsetzen könnte.
Denn es gab zuletzt weitere Kommentare, die darauf hindeuteten, dass schon bald eine Reduzierung der Käufe im Rahmen des Pandemie-Notfallankaufprogramms (PEPP) angekündigt werden könnte. Die EZB wird bemüht sein, dies als eine technische Anpassung darzustellen, die durch die günstigeren Finanzierungsbedingungen im Juni ermöglicht wurde.

Im August betrugen die Anleihenkäufe insgesamt 65 Milliarden EUR, nach 87,5 Milliarden im Juli (siehe Diagramm 2). Die EZB hat in den letzten Monaten, wie im März angekündigt und im Juni bestätigt, mehr Vermögenswerte gekauft (seit April im Umfang von durchschnittlich 79 Milliarden EUR pro Monat) und könnte nun beschließen, das Tempo zu drosseln.

Der Gesamtwert der Käufe seit Programmbeginn im März 2020 lag Ende August bei 1,337 Billionen EUR bei einem Gesamtvolumen von 1,850 Billionen. Angesichts einer Inflationsrate von 3,0% im Vorjahresvergleich und der ungewissen Folgen der neuen Pandemiewelle für das Wachstum in Europa werden die Äußerungen der EZB in den kommenden Monaten von entscheidender Bedeutung sein. Es ist anzunehmen, dass sie vorsichtig vorgehen wird.


Alle hier geäußerten Ansichten sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und basieren auf den verfügbaren Informationen, womit sie ohne vorherige Ankündigung geändert werden können. Die einzelnen Portfoliomanagementteams können unterschiedliche Ansichten vertreten und für verschiedene Kunden unterschiedliche Anlageentscheidungen treffen. Der Wert von Anlagen und ihrer Erträge können sowohl steigen als auch fallen und Anleger erhalten ihr Kapital möglicherweise nicht vollständig zurück. Investitionen in Schwellenländern oder spezialisierten oder beschränkten Sektoren können aufgrund eines hohen Konzentrationsgrads, einer größeren Unsicherheit, weil weniger Informationen verfügbar sind, einer geringeren Liquidität oder einer größeren Empfindlichkeit gegenüber Änderungen der Marktbedingungen (soziale, politische und wirtschaftliche Bedingungen) einer überdurchschnittlichen Volatilität unterliegen. Einige Schwellenländer bieten weniger Sicherheit als die meisten internationalen Industrieländer. Aus diesem Grund können Dienstleistungen für Portfoliotransaktionen, Liquidation und Konservierung im Namen von Fonds, die in Schwellenmärkten investiert sind, mit einem höheren Risiko verbunden sein.

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