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Wöchentliches Investment Update – Wir brauchen keinen Panikraum

Die Aktienmärkte sind angesichts der zunehmenden Unsicherheit unbeständig geblieben: Man macht sich Sorgen um das Wachstum in China und weltweit, die Anleiherenditen steigen und die Geldpolitik der wichtigsten Zentralbanken scheint sich zu ändern. Dennoch sind die Finanzmärkte offensichtlich nicht allzu nervös, und die Anleger scheinen bereit zu sein, guten Neuigkeiten den Vorzug zu geben – zumindest ignorieren sie diese nicht.  

Die internationalen Aktien gingen gegenüber Ende August um ansehnliche 3,7 % zurück (MSCI AC World Index zum Börsenschluss am 29. September), da die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen in den USA und der Eurozone um rund 20 Bp stiegen. Der Rohölpreis für ein Fass WTI erhöhte sich um 9 % auf 75 USD, und der US-Dollar verbesserte sich um 1,8 % (DXY Index).

Nach den starken Schwankungen war in den letzten Tagen des Monats September eine Stabilisierung zu verzeichnen. Die implizite Volatilität des Aktienindex S&P 500 erreichte am 20. September ihren höchsten Stand seit Mai, bevor sie zurückging.

Was Anleger beachten sollten

Die jüngsten Ereignisse scheinen die Anleger verwirrt zu haben, aber sie sind nicht in Panik geraten. Verwirrt deshalb, weil die Rückkehr zu einem normaleren Leben nach der Pandemie länger dauert als erwartet. Sie sind weiterhin zuversichtlich, denn das Problem ist derzeit eher ein unzureichendes Angebot als eine unzureichende Nachfrage.

In Bezug auf das zukünftige Wachstum beobachtet man besonders die Ereignisse in China sehr aufmerksam. Die auf Befragungen der Einkaufsmanager basierenden Einkaufsmanagerindizes (EMI) fielen unterschiedlich aus. Der EMI für den verarbeitenden Sektor fiel im September auf unter 50 und verzeichnete seinen sechsten Rückgang in Folge – er weist jetzt auf eine Verlangsamung des Wachstums hin.

Der Index für Dienstleistungen erholte sich dagegen stark von 47,5 auf 53,2, was der zunehmenden Nachfrage nach Transport und Restaurantbesuchen zu verdanken war.

Die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Schuldentilgung im Immobiliensektor könnten ein Risiko für die Binnennachfrage bedeuten, so dass viele Beobachter damit rechnen, dass schon bald Unterstützungsmaßnahmen der Regierung angekündigt werden. Peking verfügt über Spielraum, der kurzfristig genutzt werden könnte, um eine Ansteckung der Finanzmärkte zu vermeiden. Um strukturelle Programme zu beschließen und umzusetzen, dürfte mehr Zeit erforderlich sein.

Hoffnung bei den Dienstleistungen, Knappheit in der Industrie

Die Aufhebung der Covid-bedingten Einschränkungen trägt weltweit dazu bei, dass die Aktivität im Dienstleistungssektor wieder zunimmt. Das dürfte mit dem Abebben der Pandemie weitergehen. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist weltweit von rund 660.000 Ende August auf 450.000 Ende September zurückgegangen. Aufgrund der Saisonalität des Virus und der Rückkehr von Schülern und Studenten in Schulen und Universitäten in vielen Ländern besteht allerdings die Gefahr eines neuen Ausbruchs, der das Vertrauen der Haushalte beeinträchtigen dürfte.

Die Engpässe im verarbeitenden Sektor halten an, nicht zuletzt, weil die Produktion im vergangenen Sommer dadurch beeinträchtigt wurde, dass die asiatischen Schwellenländer schwer von der Delta-Variante betroffen waren. Auch die steigenden Rohstoffpreise dürften die Industrieaktivität beeinträchtigen, besonders in energieintensiven Sektoren. Das führt dazu, dass weiterhin Aufwärtsdruck auf die Preise herrscht, der die Hypothese einer vorübergehenden Zunahme der Inflation auf die Probe stellt.

Frühe Schätzungen der Verbraucherpreisindizes für die Eurozone zeigen, dass die Inflation kontinuierlich steigt. In Spanien bot die Inflation mit 4,0 % eine positive Überraschung, während sie in Frankreich mit 2,1 % leicht hinter den Erwartungen zurückblieb.

Werden die Signale der Zentralbanken richtig verstanden?

Die wichtigsten Zentralbanken halten zwar offiziell an ihren bisherigen Aussagen fest, aber ihre Ansichten werden jetzt anders ausgelegt.  

Bei der Federal Reserve in den USA teilte der Vorsitzende Jerome Powell am 22. September seine Absichten mit. In den folgenden Tagen zeigte sich aber, dass der für die Geldpolitik verantwortliche Offenmarktausschuss (FOMC) geteilter Meinung ist, nicht nur, was das Datum der ersten Leitzinsanhebung betrifft, sondern grundsätzlicher auch in Bezug auf die Auslegung des flexiblen Inflationsziels der Fed.

Einige FOMC-Mitglieder sind davon überzeugt, dass die Leitzinsen niedrig bleiben können (rund 1 % im Jahr 2024), während die Inflation knapp über 2 % liegt, andere, wie Fed-Vize Richard Clarida denken dagegen, dass die langfristigen Zinsen bis 2024 deutlich höher liegen dürften.

Diese unterschiedlichen Ansichten könnten ein Teil der Erklärung dafür sein, dass seit der letzten FOMC-Sitzung Aufwärtsdruck auf die langfristigen US-Anleiherenditen herrscht und die Märkte wieder damit rechnen, dass die Leitzinsen in absehbarer Zeit steigen werden.

In der Eurozone standen die letzten Wochen im Zeichen von Aussagen mehrerer EZB-Mitglieder, die sich von der im September veröffentlichten Inflationsprognose distanzieren möchten, weil sie diese für zu niedrig halten. Ihre Kommentare bekräftigten die Vermutung, dass die Stimmung bei der EZB schon in Kürze aggressiver werden könnte.

Beim EZB-Forum wiederholten die Vorsitzende Christine Lagarde und der Fed-Vorsitzende Powell, dass die jüngste Beschleunigung der Inflation ihrer Meinung nach vorübergehend sein würde.

Andere Währungsinstitutionen sehen das allerdings anders: Die Reserve Bank of Norway hob ihre Leitzinsen von 0 % auf 0,25 % an und kündigte an, dass im Dezember mit einer weiteren Erhöhung gerechnet werden kann. Sie sagte, dass die Leitzinsen bis Ende 2022 1,25 % erreichen sollten. Die Bank of England wies ihrerseits darauf hin, dass die jüngsten Entwicklungen ‚auf mittlere Sicht‘ eine Zinserhöhung erforderlich machen.

Die Weichen stellen für 2022

Wir dürfen damit rechnen, dass für die Anleger im letzten Quartal 2021 der Abschied von ‚außergewöhnlichen Zeiten‘ beginnt, die ‚außergewöhnliche Maßnahmen‘ erforderten, um die Worte von Christine Lagarde von März 2020 zu verwenden.

Die Normalisierung der Geldpolitik dürfte vorsichtig und allmählich erfolgen, und man dürfte sich bemühen, plötzliche Schwankungen der Finanzmärkte zu vermeiden. Im Vorfeld der Sitzungen der geldpolitischen Ausschüsse im Dezember werden Einzelheiten zum Ausblick erwartet.

Die Volkswirtschaften werden nach monatelanger Intensivpflege unter weniger ‚außergewöhnlichen‘ finanziellen Bedingungen mit ihrer Erholung und Sanierung beginnen (oder diese fortsetzen) müssen. Solange sie gesund sind und von der Fiskalpolitik unterstützt werden, dürfte das kein Problem sein.


Alle hier geäußerten Ansichten sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und basieren auf den verfügbaren Informationen, womit sie ohne vorherige Ankündigung geändert werden können. Die einzelnen Portfoliomanagementteams können unterschiedliche Ansichten vertreten und für verschiedene Kunden unterschiedliche Anlageentscheidungen treffen. Der Wert von Anlagen und ihrer Erträge können sowohl steigen als auch fallen und Anleger erhalten ihr Kapital möglicherweise nicht vollständig zurück. Investitionen in Schwellenländern oder spezialisierten oder beschränkten Sektoren können aufgrund eines hohen Konzentrationsgrads, einer größeren Unsicherheit, weil weniger Informationen verfügbar sind, einer geringeren Liquidität oder einer größeren Empfindlichkeit gegenüber Änderungen der Marktbedingungen (soziale, politische und wirtschaftliche Bedingungen) einer überdurchschnittlichen Volatilität unterliegen. Einige Schwellenländer bieten weniger Sicherheit als die meisten internationalen Industrieländer. Aus diesem Grund können Dienstleistungen für Portfoliotransaktionen, Liquidation und Konservierung im Namen von Fonds, die in Schwellenmärkten investiert sind, mit einem höheren Risiko verbunden sein.

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