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Crude oil tanker and LPG Loading in port at sea

Wöchentliches Investment Update – Gemunkel über Stagflation

Ein knappes Energieangebot auf dem europäischen Binnenmarkt und die Abhängigkeit von den volatilen globalen Märkten tragen dazu bei, dass die Gaspreise auf dem Kontinent Rekordhochs erreichen. In den USA lassen die jüngsten Inflationsdaten weiterhin an der Hypothese der US Federal Reserve zweifeln, dass der Inflationsdruck nur vorübergehender Art ist.   

COVID-19 – Bessert sich die Situation?

Die Zahl der weltweiten Covid-19-Fälle geht weiter zurück und liegt jetzt bei rund 410.000 pro Tag.

Obwohl die hohen Infektionszahlen nicht länger dieselbe Zahl an Todesopfern fordern, wirken sie sich weiterhin auf die Konjunktur aus.

Das wurde am US-Arbeitsmarktbericht für September deutlich, der auf Daten basiert, die Mitte September erhoben wurden, als die Delta-Welle fast ihren Höhepunkt erreichte. Das Beschäftigungswachstum im Freizeit- und Gastgewerbe war besonders schwach.

Antivirale Behandlung – Eine Revolution?

Eine der letzten klinischen Versuchsphasen einer von einem führenden US-Pharmakonzern entwickelten Antiviral-Tablette zeigte, dass diese das Risiko von Krankenhauseinweisungen und tödlichem Verlauf von Covid-19 halbieren könnte. Das Unternehmen hat bei der US Food and Drug Administration die Genehmigung zur Verwendung in Notfallsituationen beantragt. Die Behandlung besteht in der Einnahme von zwei Tabletten täglich und wird Patienten, bei denen Covid-19 diagnostiziert wurde, für fünf Tage verschrieben.

Antivirale Behandlungen weisen anderen Behandlungsmethoden gegenüber Vorteile auf. Sie sind leicht zu verabreichen, kostengünstiger und unkomplizierter in der Herstellung. Durch eine antivirale Behandlung zusätzlich zu den Impfungen könnte Covid zu einer kontrollierbaren Krankheit werden und von der ‚pandemischen‘ in die ‚endemische‘ Phase übergehen. Die Behandlung hätte möglicherweise auch für Schwellenländer mit niedrigen Impfquoten Vorteile.   

Es wird Winter

Es gibt frühe Anzeichen für eine neue Infektionswelle in Osteuropa; in Ländern mit niedrigen Impfquoten beginnen die Fallzahlen zu steigen. Ein neuer Corona-Ausbruch ist ganz klar möglich, denn pünktlich zum bevorstehenden Winter auf der Nordhalbkugel steigt das Risiko von Durchbruchsinfektionen, da die Wirksamkeit der Impfungen in der Bevölkerung im Laufe der Zeit nachlässt.

In Ländern mit hohen Impfquoten dürfte die Tatsache, dass die Impfungen äußerst wirksam gegen schwere Krankheitsverläufe mit Krankenhausaufenthalt bleiben, in Kombination mit Auffrischungsimpfungen für anfällige Personen helfen, den Druck auf die Gesundheitssysteme zu mindern. Daher scheint es derzeit unwahrscheinlich, dass erneut strenge Einschränkungen nötig werden.

Gerüchte um Stagflation

Stagflation ist ein vager Begriff, der nicht für alle dieselbe Bedeutung hat. Als allgemeine Definition könnte man sagen, dass es sich um zunehmende Inflation und eine Verlangsamung des Wachstums aufgrund höherer Energiepreise handelt.

Das Gemunkel über Stagflation wird lauter (siehe Diagramm 1), weil sich die Preise für Erdgas in den letzten drei Monaten verdreifacht haben. Der Preis für Flüssigerdgas (LNG) ist von rund 5 USD pro Million British Thermal Units (MMBtu) vor einem Jahr auf heute über 30 USD gestiegen und erreichte letzte Woche sogar einen vorübergehenden Höchststand von über 50 USD.

Gas im Rampenlicht

In der Vergangenheit waren die Ölpreise die treibende Kraft an den Energiemärkten. Erdgas, dessen Preis bis vor Kurzem überwiegend unabhängig von Ölkontrakten festgelegt wurde, ist jedoch in den Mittelpunkt des Energiekomplexes gerückt. Die Preise sind aufgrund eines weltweiten Angebotsengpasses gestiegen (siehe Diagramme 2 und 3). Europa ist besonders stark vom weltweiten Gasmarkt abhängig.

Die Ölpreise sind ebenfalls gestiegen: Brent-Rohöl erreichte letzte Woche mit 83 USD pro Fass seinen höchsten Preis seit drei Jahren. Die Opec+-Gruppe ist bisher nicht auf eine Produktionssteigerung vorbereitet. Unter diesen Voraussetzungen und angesichts der starken Erholung der Ölnachfrage aufgrund der Wiedereröffnung der Volkswirtschaften nach der Pandemie dürften die Preise hoch bleiben. Die Rohölpreise könnten auch durch die Gasknappheit beeinflusst werden, denn in bestimmten Sektoren beabsichtigt man im Rahmen des Möglichen, Gas durch Öl zu ersetzen.

Die Gasnachfrage unterscheidet sich aufgrund ihrer stärkeren Saisonalität vom Öl: Im Winter ist die Nachfrage höher, da Gas eine wichtige Rolle für die Wohnungsheizung spielt.

Für die aktuelle Gasknappheit in Europa gibt es folgende Gründe:  

  • Die Zahl der Erdgasfelder und -lager wurde hier reduziert, weil sich der Kontinent zunehmend auf erneuerbare Energiequellen konzentriert.
  • Europa steht auf dem globalen Gasmarkt jetzt im Wettbewerb mit Asien, wo die Nachfrage nach LNG in den letzten zehn Jahren um 50 % gestiegen ist. Das kalte Wetter in China, dem weltgrößten LNG-Importeur, lässt die Preise am Weltmarkt steigen.
  • Russland liefert rund 30 % des in Europa verbrauchten Gases. Die wichtigste Frage lautet jetzt, ob Russland im Falle eines kalten Winters den europäischen Gasbedarf decken kann. Die russischen Exporte nach Europa könnten jedoch erst Anfang 2022 wieder ihre Höhe von vor Covid erreichen, denn erstens haben sich die russischen Gasexporte zunehmend nach Asien verlagert und zweitens sind die Lagerbestände in Russland ebenfalls gering und müssen aufgefüllt werden. Darüber hinaus machte die Verzögerung der Regierungsbildung in Deutschland die Zertifizierung der Pipeline Nord Stream 2 komplizierter.
  • Gas gilt als „Brückenkraftstoff“ während der Energiewende. Es setzt bei der Verbrennung nur ungefähr halb so viel CO2 frei wie Kohle. Aufgrund der Methanemissionen, die bei der Gewinnung und beim Transport von Gas entstehen, wurde jedoch von neuen Investitionen abgesehen, was das europäische Angebot ebenfalls einschränkt.  

Wir beobachten die Entwicklung aufmerksam. Angesichts  der anhaltenden Unsicherheit in  Bezug auf die Versorgung sind die europäischen Märkte für hochverzinsliche Kredite anfällig, da sie stärker in Sektoren engagiert sind, die auf Energiepreisänderungen reagieren.

US-Preise – Die Inflation im Wohnimmobiliensektor nimmt zu

Die Kerninflation in den USA entsprach im September den Markterwartungen: Sie war im Monatsvergleich um 0,2 % gestiegen. Die jährliche Inflationsrate beträgt damit 4 %.

Auf den ersten Blick bekräftigen diese Daten die Hypothese, dass der Inflationsanstieg im späten Frühjahr / Frühsommer ‚vorübergehend‘ war. Der Preisdruck bei Gebrauchtwagen, Hotels und Transport – alles Segmente, die eindeutig von durch Covid ausgelösten Versorgungskettenproblemen und der Wiedereröffnung nach den Impfungen betroffen waren – war Anfang des Jahres hoch, ging jedoch im September nahezu auf Null zurück, was teilweise auf das Wiederaufflackern von Covid am Ende des Sommers zurückzuführen war.

Den Hauptbeitrag zur US-Kerninflation leisteten dagegen die Mietpreise. Die Wohnungsmieten sind eindeutig die größte Komponente des Kernindex (VPI), und die Inflation hält hier häufig von einem Monat zum anderen an: Auf starke (oder schwache) Daten in einem bestimmten Monat folgen häufig noch stärkere (bzw. schwächere) Werte.

Das Aufflackern der Mietpreisinflation betrifft vor allem Städte im mittleren Westen und Süden der USA. Das zeigt, dass die Menschen größeren Wohnraum in verhältnismäßig kostengünstigeren Märkten suchen.

Sollte sich die Inflation der Mietpreise im Jahr 2022 fortsetzen, dürfte der Balanceakt zwischen Arbeitsmarkt und Inflation für die Federal Reserve zu einer noch größeren Herausforderung werden.

Obwohl die Mietpreise einen geringeren Anteil am PCE (Index der persönlichen Konsumausgaben) haben, dürfte die von der Fed angestrebte Mietpreisinflation von mindestens 5 % nicht mit dem vor drei Wochen von der Fed prognostizierten Rückgang der Kern PCE-Inflation auf 2,3 % bis Ende 2022 vereinbar sein.

Es scheint ebenfalls unwahrscheinlich, dass die Arbeitsmarktbedingungen in den USA bis Ende nächsten Jahres wieder denen von vor der Covid-Pandemie gleichen werden, denn hierfür müssten in den nächsten 15 Monaten jeweils rund 700.000 Stellenzuwächse verzeichnet werden.

Der von der Fed prognostizierte Zeitpunkt für die erste Zinserhöhung, für die sowohl ‚maximale Beschäftigung‘ als auch eine Inflation von 2 % vorausgesetzt wird, dürfte angeregte Debatten zwischen den aggressiven und gemäßigten Vertretern der Fed über die Definition der ‚maximalen Beschäftigung‘ auslösen. Der Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung dürfte davon abhängen, welche Seite gewinnt.

Stabile US-Anleiherenditen 

Infolge der aktuellsten Inflationsdaten ging die Rendite der als Benchmark geltenden, zehnjährigen US Treasury Note auf rund 1,54 % zurück, nachdem sie am Anfang der Woche ihren höchsten Stand seit vier Monaten erreicht hatte.

In den USA traf eine Auktion von Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren in Gesamthöhe von 24 Mrd. USD auf eine starke Nachfrage. Rund 71 % des angebotenen Betrags ging an indirekte Bieter, unter anderen ausländische Käufer von US-Anleihen – das war der höchste prozentuale Anteil bei einer Wiedereröffnung dieser Laufzeit seit Juli 2020.

Diese starke Nachfrage seitens ausländischer Käufer könnte die Auswirkungen der für November erwarteten Drosselung der Anleihekäufe der Fed im Wert von 120 Mrd. USD monatlich teilweise ausgleichen.


Alle hier geäußerten Ansichten sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und basieren auf den verfügbaren Informationen, womit sie ohne vorherige Ankündigung geändert werden können. Die einzelnen Portfoliomanagementteams können unterschiedliche Ansichten vertreten und für verschiedene Kunden unterschiedliche Anlageentscheidungen treffen. Der Wert von Anlagen und ihrer Erträge können sowohl steigen als auch fallen und Anleger erhalten ihr Kapital möglicherweise nicht vollständig zurück. Investitionen in Schwellenländern oder spezialisierten oder beschränkten Sektoren können aufgrund eines hohen Konzentrationsgrads, einer größeren Unsicherheit, weil weniger Informationen verfügbar sind, einer geringeren Liquidität oder einer größeren Empfindlichkeit gegenüber Änderungen der Marktbedingungen (soziale, politische und wirtschaftliche Bedingungen) einer überdurchschnittlichen Volatilität unterliegen. Einige Schwellenländer bieten weniger Sicherheit als die meisten internationalen Industrieländer. Aus diesem Grund können Dienstleistungen für Portfoliotransaktionen, Liquidation und Konservierung im Namen von Fonds, die in Schwellenmärkten investiert sind, mit einem höheren Risiko verbunden sein.

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